Innovative Cochlea-Implantate ermöglichen das Hören, neuartige Retina-Implantate zumindest rudimentäres Sehen. Prof. Dr. Bertolt Meyer illustrierte anhand beeindruckender Beispiele, wie die Digitalisierung extrem fortschrittliche und leistungsfähige Hilfsmittel ermöglicht. In seiner Keynote am 11. Mai auf der OTWorld in Leipzig richtete er den Blick vorm allem auf die psychologische Komponente dieser Hilfsmittel. Unbestritten seien die neuen Teilhabemöglichkeiten. Sie böten vor allem die Chance, dass sich die stereotypen Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft gegenüber Menschen mit Handicaps zum positiven verändern: weg vom bemitleideten, netten, aber inkompetenten „Behindi“ hin zum als kompetenten Mitglied der Gesellschaft.
Meyer trägt selbst eine innovative Hightech-Armprothese, die als „cool“ empfunden werde. Eine Zuschreibung, die eigentlich im Widerspruch zu Behinderungen stehe. „Auf einmal stoße ich auf positives Interesse“, berichtete er von seinen eigenen Erfahrungen. „Moderne Prothesen haben daher nicht nur einen funktionalen, sondern auch einen psychologischen Nutzen, da sich Stereotype auflösen. Menschen mit Behinderungen wird mehr Kompetenz zugeschrieben.“
Meyer sieht allerdings auch Risiken. Es bestehe die Gefahr, dass Behinderung nur als technisches Problem verstanden werden, für das immer eine Lösung gebe. In diesem Zusammenhang warnte Meyer auch vor dem Bild des bedrohlichen, ausgegrenzten „Cyborgs“. Zudem könnten weitere Möglichkeiten der Inklusion in den Hintergrund gedrängt werden. Veränderungen der Umwelt zu mehr Barrierefreiheit könnten ebenso auf der Strecke bleiben wie individuelle Verhaltensänderungen. Die nichtbehinderten Mehrheitsgesellschaft könne sich ihrer Verantwortung entziehen.